Direkt zum InhaltDirekt zur SucheDirekt zur Navigation
▼ Zielgruppen ▼
 

Humboldt-Universität zu Berlin - Musikwissenschaft

Promotionen (Prof. Dr. Arne Stollberg, Prof. Dr. Jin-Ah Kim)

Prof. Dr. Arne Stollberg


Abgeschlossene Promotionen:
 
 
Laufende Projekte:

 

  • Pedro Gloor Vellasco
    Materiale Formenlehre – Modellfall Wolfgang Rihm. Beitrag zur Entwicklung einer Formkonzeption im Anschluss an Theodor W. Adorno
  • Ellen Hünigen
    Memorialität, mehrstimmige Gesangspraxis, Schreibnormen und deren Veränderungen im Schriftbild aquitanischer Musik-Codices des frühen 12. Jahrhunderts
  • Thomas König
    Ästhetik des Spiels. Paul Bekkers Begriff einer 'Neuen Musik'
  • Richard Kuckhoff
    Die ästhetische Eigenzeit der musikalischen Romantik. Narrativität als Selbstreflexion
  • He Lin
    Notationen der klassischen chinesischen Griffbrettzither Qin – Eine vergleichende Studie
  • Rebecca Schmid
    Toward a new Kurt Weill Reception: Questions of Influence in the Music Theater of Marc Blitzstein and Leonard Bernstein
  • Jana Weißenfeld
    "Verkörperungen" – Zur Inszenierung der Dirigentenfigur im Konzertfilm

 

 

Pedro Gloor Vellasco
Materiale Formenlehre – Modellfall Wolfgang Rihm. Beitrag zur Entwicklung einer Formkonzeption im Anschluss an Theodor W. Adorno

In seiner einflussreichen Mahler-Monographie von 1960 präsentierte Theodor W. Adorno zum ersten Mal das Konzept einer "materiale[n] Formenlehre der Musik" – eine Formidee, die ermöglichen sollte, "Musik durch Theorie zum Sprechen zu bringen". Tatsächlich haben die materialen Formkategorien – Durchbruch, Suspension, Erfüllung und Zusammenbruch – unersetzliche analytische Werkzeuge für die Mahler-Forschung geliefert, die, wenigstens seit Mitte der 1970er Jahre bis in unsere Zeit hinein, zum "Sprechen" über die und konsequenterweise zum Verstehen der Musik des Böhmischen Komponisten erheblich beigetragen haben. Trotzdem wurde die "materiale Formenlehre" als Formkonzeption in der Musikforschung kaum in Betracht gezogen, und eine materiale Formanalyse außerhalb von Gustav Mahlers Musik ist schlichtweg nicht vorhanden. An diesem Desiderat setzt mein Dissertationsvorhaben an. Nach der systematischen Auseinandersetzung mit Adornos Theorie in meiner Masterarbeit versuche ich jetzt, eine materiale Formanalyse in Werken von Wolfgang Rihm durchzuführen. Das Vorhaben erfolgt in der Überzeugung, dass der Blick auf die physiognomische Anschaulichkeit der musikalischen Ausdrucksgesten, und zwar in ihrer formkonstruktiven Eigenschaft, für die Analyse der Musik eines Komponisten, der gerade aus der Abkehr von jeder Strukturhaftigkeit sein kreatives Potential zu schöpfen scheint, unentbehrlich ist.

 

 

Ellen Hünigen
Memorialität, mehrstimmige Gesangspraxis, Schreibnormen und deren Veränderungen im Schriftbild aquitanischer Musik-Codices des frühen 12. Jahrhunderts

Das Thema der Arbeit bezieht sich auf die vier aquitanischen Musikhandschriften Paris, B.N., fonds lat. 1139, lat. 3719, lat. 3549 und London, B.L., Add. 36881, die zwischen um 1100 und Mitte des 12. Jahrhunderts entstanden sind. Der Fokus richtet sich auf die frühen Zeugnisse zweistimmiger Musik und deren Notation, die einen besonderen Schnittpunkt von mündlich-memorialer Praxis und Neu-Komposition anzeigt. Untersucht werden sollen das Schriftbild und die Aussagekraft und Funktionen der Zeichensetzungen. Was leistet die aquitanische Musiknotation für die in ihr entworfene bzw. niedergeschriebene Musik? Was können wir erfahren über das Performative, über Kompositions-Intentionen und die Verflechtung von Gedächtnispraktiken und schriftgeleitet Entworfenem? Welche Probleme für damalige Sänger und Notatoren lassen sich herauslesen, welchen Schwierigkeiten stehen wir gegenüber? Welche Schreibnormen in vorangegangenen und umliegenden aquitanischen Musikhandschriften bilden Sedimente, auf denen die vier fokussierten Codices ruhen, und worin lösen sie sich – je auf verschiedene Weise – davon ab? Welche Veränderungen in den Funktionen von Niederschrift lassen sich feststellen? Was lässt sich aussagen über deskriptive und präskriptive Funktion der Neumenschrift (d. h. Beschreibung der komponierten Struktur durch die Schrift und Vorschriftcharakter des Notierten für den Sänger im Sinne einer Handlungsanweisung)?
Ausgewählte Abschnitte in jeder der Handschriften werden auf ihre Notationsweise hin untersucht, und ausgehend von Konkordanzen, von denen es in diesen Codices sehr viele gibt, sollen vergleichende Untersuchungen zeigen, was an Tendenzen und Unterschieden zu verzeichnen ist und welches Licht das auf den Gebrauch der Handschriften wirft.
Darstellungen der Stücke in Nachschrift (d. h. weitgehender Versuch der Adaption aquitanischer Notation) und in synoptischer Präsentation der Konkordanzen sollen die Analyse sowohl katalysatorisch befördern als auch ihre Ergebnisse widerspiegeln.

 

 

Thomas König
Ästhetik des Spiels. Paul Bekkers Begriff einer 'Neuen Musik'

Eine der zentralen Denkfiguren des kunstästhetischen Diskurses im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert war die des Spiels, konnotiert mit der Gestalt Friedrich Schillers. Noch der zwischen 1910 und 1926 die zeitgenössische Musikpublizistik in Deutschland dominierende Musikkritiker Paul Bekker konstatiert in seinem 1923 gehaltenen Vortrag "Neue Musik": "Jegliche Kunst ist eine Kundgebung des Spieltriebes". Mit einer Selbstverständlichkeit ausgesprochen, als bediente der Redner lediglich einen Topos, erweist sich die Aussage bei genauerem Hinsehen als prekär: Welche Inhalte hat der Zuhörer mitzudenken – nach Schopenhauer, Nietzsche, Husserl und Simmel?
Die Figur des Spiels erscheint bei Bekker kontextualisiert mit dem durch den Autor selbst in den öffentlichen Diskurs eingebrachten Begriff einer 'Neuen Musik'. An der Debatte um diesen umstrittenen Begriff beteiligt sich die Untersuchung allerdings nicht, sondern nähert sich ihm ausschließlich aus der Perspektive des sachkundigen Zeitgenossen Paul Bekker. Seine Sicht, das heißt die in seinen Schriften zwischen 1916 und 1926 veröffentlichte und die weltanschauliche Metamorphose des Protagonisten spiegelnde Meinung gibt die Umrisse der Untersuchung vor. Allein sein Interesse an philosophischen, soziologischen, musiktheoretischen und musikästhetischen Kontexten definiert den Kurs unserer hermeneutischen Bemühungen.
Das multiperspektivische Interesse des Publizisten Bekker koppelt so die definitorische Frage, die auf die Struktur einer 'Neuen Musik' zielen würde, an institutionelle und weltanschauliche Aspekte, in welchen eine 'Neue Musik' gedeihen konnte. Genaugenommen lautet sie nun: Wie war der geistes- und kulturgeschichtliche Kontext beschaffen, in dessen Rahmen eine 'Neue Musik' proklamiert wurde, Komponisten einer 'Neuen Musik' zustrebten? Und: Ist das (vordergründig idealistische) Modell des Spiels zur Kennzeichnung einer 'Neuen Musik' tragfähig?
Die Arbeit will einen Beitrag leisten zu einem differenzierten Bild der kulturgeschichtlich wirksamen Persönlichkeit Paul Bekkers. Darüber hinaus will sie am Beispiel einer die deutsche Kultur nachhaltig prägenden Periode der Neuzeit die Verflechtung von Weltanschauung, Musikpublizistik und endlich der Musik selbst beleuchten.

 

 

Richard Kuckhoff
Die ästhetische Eigenzeit der musikalischen Romantik. Narrativität als Selbstreflexion

Im Anschluss an die in letzter Zeit viel diskutierte Frage nach musikalischer Narrativität geht das Projekt dem Zusammenspiel von ästhetischer Eigenzeit und musikalischer Selbstreflexion in der Instrumentalmusik des 19. Jahrhunderts nach, um so gezielt die Bedingungen für narrative Strukturen sowie die damit einhergehende Emergenz von Bedeutung in instrumentalen Kompositionen dieser Zeit zu beleuchten. Den Ausgangspunkt der Untersuchung stellt die in der Narrativitätsforschung stark rezipierte Mahler-Monographie Theodor W. Adornos dar, die unter den angesetzten Gesichtspunkten auf das Musikalisch-Romanhafte hin systematisiert wird. Aus dieser Perspektive eröffnet sich, auf einem dritten Weg zwischen Form- und Inhaltsästhetik, ein Ansatz, der die zu betrachtenden ästhetischen Phänomene innerhalb des universalistischen Kunstverständnisses der Romantik situiert und damit ein komplexes intermediales Feld beleuchtet. Auf dieser Grundlage wird ein musikalischer Prosabegriff erarbeitet, der gezielt die ästhetischen Interferenzphänomene in der Ästhetik ab 1800 in den Blick nimmt. Damit wird aus einer dezidiert historischen Perspektive nach Einflussmomenten gefragt, die von der frühromantischen Ästhetik auf die musikalische Produktion nach 1800 ausgehen. Der theoretischen Ausarbeitung folgen musikalische Analysen, die das Aufkommen des beschriebenen Phänomens bei Beethoven nachzeichnen und in seiner historischen Konsequenz über Schumanns symphonisches Werk bis hin zu Mahlers Wunderhorn-Symphonien verfolgen.

 

 

He Lin
Notationen der klassischen chinesischen Griffbrettzither Qin – Eine vergleichende Studie


Die Qin (oder auch Guqin oder Siebensaitige Qin) weist eine Geschichte von über 3000 Jahren auf. Sie gehörte mit dem chinesischen Schachspiel, der Kalligraphie und der Malerei zu den "vier Künsten" der Gelehrten im alten China. Bis heute gilt die Qin als ein Instrument der Intellektuellen. Im Jahr 2003 nahm die UNESCO die Kunst der Guqin-Musik in die Liste der Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit auf.
Die vermutlich älteste überlieferte Qin-Notation war die Wen-Zi-Pu, bei der es sich tatsächlich um einen Text handelt, in dem jede Bewegung der Hände zur Tonerzeugung sowie jede feinste Nuance in ganzen Sätzen beschrieben wurde. Jedoch ist diese Notation zu weitschweifig und daher unökonomisch. So wurde während der Tang-Dynastie (618–907 n. Chr.) die Griffnotation Jian-Zi-Pu (dt.: abgekürzte Notation) speziell für die Qin entwickelt. Sie gehört zu den chinesischen Schriftzeichennotationen. Obwohl die Notenzeichen aus unterschiedlichen Schriftzeichenelementen aufgebaut sind, handelt es sich um keine gebräuchlichen Schriftzeichen mehr, sondern um eine Mischung aus Bestandteilen von Schriftzeichen, die die Körperbewegungen auf dem Instrument darstellen. Die Notenzeichen sind Kombinationen aus charakteristischen Komponenten unterschiedlicher Schriftzeichen, welche die Finger der Anschlags- und Greifhand bestimmen, sowie den Nummern der Saiten und Griffmarken, welche die Stelle des Abgreifens eindeutig bezeichnen. Der Übersetzungsprozess vom graphischen Zeichen zur körperlichen Aktion soll in dieser Arbeit untersucht werden, denn meines Erachtens sind einige der abgekürzten Zeichen aufgrund ihrer bildhaften Gestalt, welche den Handbewegungen des Spielers ähnelt, nicht nur symbolisch, sondern auch ikonisch zu verstehen. 
In der Jian-Zi-Pu werden die Tonhöhe und die rhythmischen Angaben nicht gekennzeichnet. So fügten im 19. Jahrhundert einige Musiker auf dem Notenblatt eines in Jian-Zi-Pu notierten Stückes eine andere Schriftzeichennotation, die Gong-Che-Pu, zur Angabe der Tonhöhe und der Rhythmen hinzu. Sie war die meistgebrauchte traditionelle chinesische Notation im 18. und 19. Jahrhundert und weist eine sehr lange Entwicklungsgeschichte (933–1911) auf. Sowohl die Jian-Zi-Pu als auch die Gong-Che-Pu enthalten die chinesische Zahlenschrift, die allerdings jeweils völlig unterschiedliche Funktionen hat. In der Jian-Zi-Pu gibt sie die Saitenzahl und den Fingersatz an, in der Gong-Che-Pu die Tonhöhe. Daher sollte hier untersucht werden, ob sie sich gegenseitig unterstützen oder eher stören. Heutzutage werden stattdessen die Ziffernschrift oder das Fünfliniensystem hinzugefügt, in die viele Musikwerke transkribiert wurden, die früher in chinesischen Schriftzeichennotationen niedergeschrieben waren. Jedoch wurde die Jian-Zi-Pu nie ersetzt. Ihre Unersetzbarkeit steht vermutlich mit der raffinierten Struktur und der Operativität der Notation auf dem Instrument Qin sowie mit der guten Wahrnehmbarkeit der chinesischen Schriftzeichen in engem Zusammenhang. Außerdem ist eine Diskussion über diese modernen Notationsmischungen aus unterschiedlichen Perspektiven notwendig.
Zudem sollen in dieser Arbeit die Problematik der kognitiven Umstellung beim Lesen prinzipiell unterschiedlicher Notationen (wie z. B. Leserichtung, Schrifttyp, Tonsystem etc.), weiterhin die verschiedenen Funktionen derselben sowie schließlich die kulturellen, sozialen und ästhetischen Einflüsse auf die Verwendung und Entwicklung der Notationssysteme untersucht werden.

 

 

Rebecca Schmid
Toward a new Kurt Weill Reception: Questions of Influence in the Music Theatre of Marc Blitzstein and Leonard Bernstein

Theodor Adorno famously proclaimed that the model of Kurt Weill could never repeat itself. His stage works nevertheless set an inescapable precedent for composers on both sides of the Atlantic. My dissertation explores how Weill’s formal innovations in particular laid the groundwork for the music theatre of the American composers Marc Blitzstein and Leonard Bernstein despite their unconscious resistance to his aesthetic, a phenomenon coined by Harold Bloom as the Anxiety of Influence. Comparative analysis of select stage works will reveal that the principles of Weill’s opera reform, which found their first full expression in Die Dreigroschenoper, would continue to ferment in his American-period works and catalyze the development of an indigenous movement in sophisticated, socially engaged music theatre.

 

 

Jana Weißenfeld
"Verkörperungen" – Zur Inszenierung der Dirigentenfigur im Konzertfilm

Das Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit der Inszenierung von "Körperlichkeit" in Bezug auf die Darstellung des Dirigenten und – im Kontrast dazu – des Orchesters in ausgewählten Konzertfilmen. Die Betrachtung von Verfilmungen musikalischer Werke vor allem aus dem Bereich der Sinfonik des 19. Jahrhunderts soll mit Hilfe des Begriffs der "Verkörperung" in Verbindung mit verschiedenen Konzepten der musikalischen Interpretation unter neuen Gesichtspunkten ein ästhetisches Spannungsfeld behandeln, in welchem sich geschichtlich virulente Oppositionen ergänzen und durchkreuzen: Postulate der "Werktreue" einerseits und konträr eingeforderter Interpreten-Subjektivität andererseits, wie sie sich als scheinbar unvereinbare und doch komplementäre Konzepte in vielen Konzertfilmen auch visuell zu manifestieren scheinen.

 

 

 


 

Prof. Dr. Jin-Ah Kim

 

Laufende Projekte:

 

  • Sai Huang
    Transfers westlicher Musik nach China und Ausbildung von professionellen Musikerinnen
  • Aikaterini Giampoura
    Edo Lilipoupoli - Ästhetische und soziologische Dimensionen einer pädagogischen Kinderradiosendung
  • Safa Canalp
    Subcultural Transfer - Indie Music in Turkey

 

 

Sai Huang
Transfers westlicher Musik nach China und Ausbildung von professionellen Musikerinnen

Die Arbeit beschäftigt sich mit musikalischen Transferprozessen vom Westen nach China. Im Fokus steht die Erörterung der Ausbildungs- und Professionalisierungsprozesse von chinesischen Musikerinnen unter Einfluss des 'Westens'. Methodisch-konzeptionell verfährt die Arbeit historisch. Die für die musikalischen Transferprozesse bedeutsamen Epochen werden dargestellt, von den musikalischen Tätigkeiten der Missionare im 19. Jahrhundert über den Anfang der Mädchenschulbildung am Ende der Qing-Dynastie bis zur tiefgreifenden Änderung des Frauenbildes nach der "Bewegung des vierten Mai" (1919). Daneben werden bedeutsame Tätigkeiten einzelner Musikerinnen dargelegt, wie z. B. ZHOU Xiaoyan, ZHOU Guangren und JIANG Ying. Außerdem wird neben der musikalischen die gesellschaftliche Bedeutung ihrer Tätigkeiten analysiert. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei auf die herausragende Rolle der jüdischen Musikerinnen sowie Musiker im Exil von den zwanziger bis zu den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts gerichtet. Als methodische Grundlage dienen Theorien von Susan McClary, Peter J. Martin und Ruth A. Solie.

 

 

Aikaterini Giampoura
Edo Lilipoupoli - Ästhetische und soziologische Dimensionen einer pädagogischen Kinderradiosendung

Die Kinderradiosendung Εδώ Λιλιπούπολη (Edo Lilipoupoli, dt. Übersetzung: "Hier Lilipoupolis") wurde in den späten 1970er Jahren in Griechenland ausgestrahlt und zielte darauf ab, die Phantasie der Zuhörer*innen anzuregen und deren Kreativität zu fördern. Die ihr zugrunde liegende pädagogische Konzeption wurde ursprünglich von der amerikanischen Kinderfernsehsendung Sesamstraße inspiriert. Im Unterschied zur Pop-Ästhetik der für Sesamstraße produzierten Lieder gaben die Komponisten von Edo Lilipoupoli allerdings einer freien, experimentell-künstlerischen Musikästhetik den Vorzug. Im Laufe der Zeit wurden zunehmend humoristische Elemente in besonders kunstvoller Weise in die Musik und Prosa dieses hörspielartigen Kinderprogramms integriert und trugen damit entscheidend dazu bei, dass das Kinderprogramm als Ganzes als gesellschaftspolitische bzw. sozialkritische Satire fungierte. Vor allem ihrer satirischen Ausrichtung ist es zu verdanken, dass die ursprüngliche Kinderradiosendung mit der Zeit ein erwachsenes Publikum gewann. Bisweilen bildete sie eine derart dezidiert politische Dimension aus, dass sie sogar im griechischen Parlament diskutiert wurde. 
Die vorliegende Dissertation setzt sich zum Ziel, die Kinderradiosendung innerhalb ihres gesellschaftspolitischen und kulturellen Kontextes einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen. Musik und Prosa werden auf der Grundlage von Interdisziplinarität, d.h. unter Berücksichtigung musikästhetischer, soziosemiotischer, soziologischer und pädagogischer Aspekte analysiert. Da die in der Sendung zum Einsatz gekommenen Lieder auch heute noch in Griechenland zu hören sind, liegt ein weiterer Fokus des Forschungsinteresses auf der gegenwärtigen Rezeption dieses Materials. Stilistische und ästhetische Kompositionselemente werden in einer vergleichenden Untersuchung mit der aktuellen Produktion von Kindermusik kontrastiert. Dadurch lassen sich weitere Bedeutungsebenen der Musik von Edo Lilipoupoli aufzeigen. Abschließend sei darauf verwiesen, dass die Kompositionsästhetik der Sendung nicht allein pädagogisch ausgerichtet ist, sondern mit einer gewissen Lebensphilosophie und Ideologie in engem Zusammenhang steht.

 

 

Safa Canalp
Subcultural Transfer - Indie Music in Turkey

My dissertation focuses on transfer, reception and appropriation processes of indie music in Turkey, and it covers three decades from 1990s to 2010s periodically. The research’s interdisciplinary conception lies in the intersection of music sociology, popular music studies, ethnomusicology, and mid-European scholarship on cultural transfer. Apart from narrating the social/cultural/political history of indie music's emergence and development in the country, the dissertation is intended to develop a theoretically innovative, methodologically convenient and transnationally appropriable notion which is called subcultural transfer. Through differentiating between issues of knowledge accumulation, taste articulation and behavior development with regard to community's identification with indie music, the research tries to raise a scholarly concern over musicologists' theoretical review of cultural sociology material and cultural sociologists' methodological handling of musical phenomena, and it is accordingly aimed to bridge the conceptual gaps between the two disciplines which conventionally trivialize each others' primary contextual concerns.