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Humboldt-Universität zu Berlin - Medienwissenschaft

Humboldt-Universität zu Berlin | Institut für Musik­wissen­schaft und Medien­wissen­schaft | Medienwissenschaft |  ↳ Medientheorien | Kolloquium | Sebastian Giessmann: Netz und Netzwerk 1792/1832: Optische Telegrafie, Saint-Simonismus und die Ordnung des Wissens

Sebastian Giessmann: Netz und Netzwerk 1792/1832: Optische Telegrafie, Saint-Simonismus und die Ordnung des Wissens

Was
  • Kolloquium „Medien, die wir meinen“
Wann 30.06.2004 von 18:00 bis 20:00 (Europe/Berlin / UTC200) iCal
Wo Sophienstraße 22a, R. 0.01 (Medientheater)
Es gibt keine übergreifende Geschichte von „Netz“ und „Netzwerk“. Ein entsprechendes kultur- und medienhistorisches Projekt müsste, so meine These, im europäischen 18. Jahrhundert beginnen. Dabei gibt es keine Urszene, sondern verschiedene Konfigurationen von „Netz“. Dazu gehören zumindest das teils noch ältere Netz-Wissen der Geographie (Gradnetz, Mercator-Projektion, Dreiecks-Netze), der Beginn von Topologie und nicht-euklidischer Geometrie in Eulers Lösung des „Sieben Brücken von Königsberg“-Problems und die Versuche der Naturgeschichte, Netz als Ordnungselement zu denken (Bonnet, Diderot). Weitere Ansätze bieten die ersten Experimente zur Elektrizität, v.a. Abé Nollets vernetzender Stromkreis von Kartäuser-Mönchen, die zunehmende Dynamisierung der Post-Verbindungen, Ideen

zum Geldumlauf, der Beginn der Kristallografie bei René-Just Haüy und die Erweiterung des Festungsbaus um unterirdische Wegenetze.

Diese Netz-Figurationen des 18. Jahrhunderts sind Bedingung der Möglichkeit, dass im 19. Jahrhundert Linien, Wege, Kanäle und Drähte in Netzform gebaut und auch explizit als Netz verstanden werden können.

Bezeichnendes Beispiel ist Abraham und René Chappes Versuch, die sternförmig von Paris ausgehenden Linien des optischen Telegrafen durch Querverbindungen zu ergänzen (Mémoire sur la telegraphie, 1829).

Vergleichbare Vorschläge gibt es für die Wasserversorgung, deren Baupläne sich bis dahin überwiegend an Baummodellen – d.h. dem dominanten epistemischen Modus der Enzyklopädisten – orientieren.

Das institutionelle Umfeld dieses Wandels ist die Pariser Ècole Polytechnique, an der in den 1820er Jahren eine ausnehmend starke Verbindung physiologischer und technischer Forschungen existiert.

Es sind die Saint-Simonisten, die 1831/1832 das Netz zum idealen Modell von Telegrafie, Eisenbahn und Kanalisation erklären. Vordenker eines zwischen Kreislaufideen und Vernetzung oszillierenden Gemeinschaftskörpers ist somit der Graf von Saint-Simon.

Das französische Wort «réseau» kennt zunächst keinen Unterschied zwischen „Netz“ und „Netzwerk“. Sinn und Zweck der historiografischen Arbeit ist allerdings eine angemessene Differenzierung zwischen „Netz“, „Netzwerk“ und „System“, insbesondere für die medialen Räume der Übertragungsmedien. Dabei gilt es genau hinzuschauen:

Wo ist Vernetzung Praxis, wo ist sie Metapher, wo ist sie zum Modell geworden?