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Humboldt-Universität zu Berlin - Medienwissenschaft

Sebastian Breu: Infrastrukturalismus (Vortrag)

Wann 30.05.2018 von 18:00 bis 20:00 (Europe/Berlin / UTC200) iCal

Aus einer Reihe von Typoskripten der 80er Jahre und einigen bekannten Stellen der publizierten Werke lassen sich Spuren von Friedrich Kittlers wiederholtem Versuch einer Archäologie des Poststrukturalismus herauslesen. Man findet seine Gedanken auch spät noch verstreut, z.B. in den biographischen Miniaturen aus Unsterbliche, aber nicht unbedingt als klar konturiertes Denkprojekt ausgearbeitet. Grund war vermutlich nicht nur die Quellenlage, sondern auch der schwierige Standpunkt eines Diskurses, der seine eigenen Möglichkeitsbedingungen mitbeschreiben will. Resigniert bemerkt Kittler in einem Vortrag auf dem deutsch-französischen Germanistentreffen 1987: “Es hat sich als unmöglich erwiesen, das angekündigte Thema wirklich zu behandeln”.

Kittler hatte wie Félix Guattari schon früh darauf hingewiesen, dass bestimmte Sprachspiele der Pariser Intelligentsia erst in einer Epoche der Informationsmaschinen wirklich Sinn machen konnten. Im Fahrwasser dieses Aperçus sind seitdem geschichtliche Aufarbeitungen erschienen, die sich dezidiert mit der Dissemination des Informationsbegriffs auseinandersetzen (in den 90ern z.B. Jean-Pierre Dupuy, Katherine Hayles). Viele sprechen von der Kybernetik in ähnlichem Ton wie Heidegger, den das “Fortreißende der Kybernetik” an die Ufer eines nicht-rechnenden oder vor-metaphysischen Denkens trieb. Nur wenige bemerken dabei, dass einem geistesgeschichtlichen Diskurs, der die Kybernetik als ebenso geistesgeschichtliche Formation auffasst, ohne die Konsequenzen der realhistorischen Kybernetisierung auszubuchstabieren, nicht viel von der Seinsvergessenheit trennt, die Heidegger lamentierte.

Mit dem Namen Kittler verbunden steht bekanntermaßen der Versuch, nicht über die Kybernetik hinweg, sondern durch sie hindurch zu denken. Ob das immer gelungen ist, kann man natürlich bezweifeln. Seine hegelianisch gewürzte Aufhebung der Mediengeschichte in der universellen Turingmaschine bildet nicht unbedingt den besten Ansatzpunkt für tatsächliche archäologische Untersuchungen neuer Mensch-Maschine-Konfigurationen nach 1945. Wäre Kittler bei Rechnern (und Rechnerinnen) so materialistisch geblieben wie anderswo bei Schreibmaschinen, wären vielleicht andere Geschichten dabei herausgekommen.

Setzen wir uns mit Kittlers unvollständiger Archäologie also noch einmal auseinander. Es wäre zu untersuchen, wann/wo/wie dieses Projekt sich entwickelt und warum es fragmentarisch geblieben ist. Es wäre zu diskutieren, inwieweit das “Informationsgeschehen”, wie er es nannte, tatsächlich als historisches Apriori einer ganzen Reihe post-hermeneutischer und post-phänomenologischer Kulturtheorien gelten könnte. Statt von einer Übertragungsgeschichte des Informationsbegriffs her das humanwissenschaftliche Diskursfeld zu durchpflügen, wäre die Perspektive auf historisch verkörperte Techniken der Datenverarbeitung auszuweiten. Zu berücksichtigen wäre Kittlers Einsicht, dass “rechnendes Denken” (und seine strukturalen Nachbilder) seit ca. 1940 ko-extensiv ist mit den Maschinen, die es implementieren.

Wieviel von dem, was in den Köpfen der strukturalen Denker dies- und jenseits des Rheins vorgegangen ist, wäre im technischen Unbewußten dieser Zeit zu erblicken? Ließe sich hier eine historische Perspektive konstruieren, die auf das strukturale Denken (und was danach noch kam - auf diese Dynamisierung kommt es vermutlich gerade an) nicht nur von oben herabblickt, sondern es infra-struktural erfassen kann?