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Humboldt-Universität zu Berlin - Medienwissenschaft

Humboldt-Universität zu Berlin | Institut für Musik­wissen­schaft und Medien­wissen­schaft | Medienwissenschaft |  ↳ Medientheorien | Kolloquium | Richard Vahrenkamp: Mathematik trifft auf Machtkalkül. Kybernetik und Operationsforschung in der Reformära der DDR 1962–1970 (Vortrag)

Richard Vahrenkamp: Mathematik trifft auf Machtkalkül. Kybernetik und Operationsforschung in der Reformära der DDR 1962–1970 (Vortrag)

Wann 04.12.2019 von 18:00 bis 20:00 (Europe/Berlin / UTC100) iCal
Wo Medientheater (EG, Raum 0.01)

Wie Kybernetik und Operationsforschung aus den USA kommend, über die Sowjetunion und über Westdeutschland auf die DDR trafen, wird im ersten Teil mit der Angabe der wichtigsten Neugründungen von Instituten und wissenschaftlicher Symposia in der Reformära der DDR 1962–1970, wo das Neue Ökonomische System mit angenäherten Marktpreisen für Industriegüter eingeführt wurde, nur kurz skizziert. Während der Diskurs zu Kybernetik recht breit ist und diese als Dachwissenschaft über Naturwissenschaft, Computertechnik und Gesellschaftswissenschaften angesehen wird, ist der Umfang kritischer Betrachtungen der mathematischen Optimierungsmethoden in der Betriebswirtschaft, die als Operations Research oder in der DDR als Operationsforschung bezeichnet werden, nur spärlich. In der DDR wurde die Operationsforschung seit 1967 in die „Marxistisch–Leninistische Organisationswissenschaft“ (MLO), welche Methoden zur Führung großer Kombinate in der Reformära bereitstellen sollte, eingeordnet. Hier wird die These vorgetragen, dass Operationsforschung eine Expertenbewegung von Mathematiker darstellt, die primär an mathematischen Methoden–orientiert ist, aber nicht an der Lösung von ökonomischen oder sozialen Problemen interessiert ist. Diese These wird exemplarisch am Transport–Modell der Operationsforschung dargestellt. Tjalling Koopmans hatte für die Entdeckung des Transport–Modells sogar den Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften 1975 erhalten. Dieses Modell wurde aber in der kapitalistischen Welt niemals angewendet, da es zu stark vereinfacht ist. Es diente dort lediglich der Inszenierung von Operations Research als Softpower. Da die Zentralverwaltungswirtschaften von vereinfachten Vorstellungen über das Funktionieren von ökonomischen Prozessen geprägt waren, haben sie das Transport–Modell begierig aufgegriffen, und in der Reformära der DDR 1962 – 1970 gab es viele EDV–Programmierungen des Transportmodells in der DDR, um Transportkosten zu sparen. Der Vortrag stellt einige Anwendungen in der Holzwirtschaft, in der Kalkproduktion und in der Kohlewirtschaft vor und erörtert besonders die Widerstände, die von unterer Ebene der Betriebe gegen die Umsetzung des Transportmodells in ökonomische Prozesse auftraten.