Humboldt-Universität zu Berlin - Medienwissenschaft

Humboldt-Universität zu Berlin | Institut für Musik­wissen­schaft und Medien­wissen­schaft | Medienwissenschaft |  ↳ Medientheorien | Kolloquium | Sandra Michler: "Musikalische Notation vs. Klangschriften – eine technikhistorische und medienepistemologische Untersuchung"

Sandra Michler: "Musikalische Notation vs. Klangschriften – eine technikhistorische und medienepistemologische Untersuchung"

  • Was Kolloquium „Medien, die wir meinen“
  • Wann 04.01.2012 von 18:00 bis 20:00 (Europe/Berlin / UTC100)
  • Wo Sophienstraße 22a, R. 0.01 (Medientheater)
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Die Notenschrift ermöglicht es, Musik schriftlich zu fixieren und dadurch reproduzierbar zu machen. Somit können Dinge und Phänomene, welche nicht existieren können, sichtbar gemacht werden.<br><br>Frühe Kulturen benutzten schon unterschiedliche Arten, Musik aufzuschreiben. Der erste Teil des Vortrages soll die geschichtliche Entwicklung der musikalischen Notation näher betrachten. Angefangen bei antiken Notationsverfahren, über das bedeutende Liniensystem von Guido von Arezzo, bis hin zur neuen grafischen Methode soll die dynamische Entwicklung der verschiedenen Notationssysteme kurz erläutert werden.<br><br>Die mit der Industrialisierung hervorgegangenen neuen mechanischen und elektrischen Geräte schufen Raum für neue Klänge und Kompositions- sowie Aufführungspraktiken, auf welche anschließend eingegangen werden soll. Notation und Reproduktion standen im 19. Jahrhundert in enger Verbindung zueinander. Den Grundstein für die akustische Klangaufzeichnung legte schließlich Thomas Alva Edison mit seinem Phonographen im Jahre 1877. Dieser war dazu in der Lage, menschliche Stimme und andere Töne aufzuzeichnen und wiederzugeben. Eine Verbesserung der Aufnahmen wurde schließlich durch das Grammophon und der Einführung der Schallplatte erreicht. Auch die Erfindung des Tonbandes schuf später neue kompositorische Möglichkeiten. Moderne Aufzeichnungsmethoden brachte allerdings auch Étienne-Jules Marey mit seiner graphischen Methode bzw. der Chronophotographie hervor. Diese ermöglichte eine graphische Fixierung von Bewegung in Raum und Zeit.<br><br>Viele Komponisten wollten sich schließlich im 20. Jahrhundert von den bisherigen Kompositionstechniken lösen, um mehr Raum für Kreativität, Inspiration und Improvisation zu schaffen. Sie experimentierten daher mit graphischer Notation, auf welche im Folgenden genauer eingegangen werden soll. In diesem Zusammenhang soll auch Bezug auf die Werke von Karlheinz Stockhausen, John Cage und Iannis Xenakis genommen werden.<br><br>Mit dem Einschreiten der Digitalisierung und der dadurch immer vielfältigeren technologischen Entwicklungen gibt es schließlich immer mehr Möglichkeiten, mit Visualisierungen und Notationen umzugehen. Neue mediale Gestaltungsmöglichkeiten finden sich hierbei in der modernen Klangkunst und im Sounddesign wieder.<br><br>Mit Beginn des elektronischen Zeitalters rückt auch der auditive Bereich immer stärker in den Vordergrund und drängt die visuelle Leitkultur allmählich in den Hintergrund. Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrages beschäftigt sich demzufolge mit der verstärkten Ausprägung des Acoustic Space (McLuhan) und dem damit veränderten Raumverständnis. Mit den neuen technischen Möglichkeiten und der Einführung von Rundfunk und Fernsehen wird zunehmend die Bindung an den visuellen Raum gelöst. In den neuen Massenmedien sieht McLuhan daher eine Chance, wieder ein Gleichgewicht zwischen visuellem und akustischem Raum zu schaffen.<br><br>Die Musiknotation ist nicht nur eine Schnittstelle zwischen Subjekt und Objektwelt, sie ist auch ein Algorithmus und damit eine Handlungsanweisung, welche sich aus einer endlichen Folge von Regeln und bestimmten Elementaranweisungen zusammensetzt. Gerade für die bildenden Künste ist der Begriff der Notation als Funktion seiner Schnittstellen sehr wichtig geworden. Er erhielt somit in den 1950ern eine Bedeutung für die Form, den Sinn und das Vermächtnis eines Kunstwerkes. Die Algorithmen werden hierbei als Instrumente der Kunst verstanden und kommen sowohl in der bildenden Kunst, als auch in der Musik zum Einsatz. Die Idee des Algorithmus fand weiterhin u.a. auch Zuspruch in der Fluxus-Bewegung, im Happening und in der Op-Art.<br><br>Im letzten Teil des Vortrages soll auf algorithmische Kompositionssysteme und auf zukunftsweisende Techniken zur Erzeugung von Musik und der Zukunft von reaktiver Musik eingegangen werden. Abschließend soll versucht werden, einen Ausblick auf die künftige Entwicklung von Klangerzeugung und -visualisierung zu geben.<br><br>