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Humboldt-Universität zu Berlin - Medienwissenschaft

Humboldt-Universität zu Berlin | Institut für Musik­wissen­schaft und Medien­wissen­schaft | Medienwissenschaft |  ↳ Medientheorien | Kolloquium | Jens Papenburg: Transatlantische Echos. Elvis Presleys Stimme und das Magnettonband als Radio

Jens Papenburg: Transatlantische Echos. Elvis Presleys Stimme und das Magnettonband als Radio

Was
  • Kolloquium „Medien, die wir meinen“
Wann 05.11.2008 von 18:00 bis 20:00 (Europe/Berlin / UTC100) iCal
Wo Sophienstraße 22a, R. 0.01 (Medientheater)

In Rock’n’Roll-Produktionen der 1950er Jahre wurde das Magnettonband nicht nur als Speichermedium sondern auch – indem Aufnahme- und Wiedergabekopf gleichzeitig aktiviert waren – als Übertragungsmedium, also als eine Art Radio eingesetzt. Der Übertragungsvorgang geschah dabei nicht mit Licht- sondern mit Bandgeschwindigkeit. Deshalb war er nicht unhörbar und erklang bekanntlich als Echo.

Mein Vortrag widmet sich dem variablen Zeitintervall zwischen Aufnahme und Wiedergabe. Dessen Dauer muss nicht ausschließlich der Beliebigkeit überantwortet noch bloß mit äußeren Zeitplänen (etwa Programmplänen oder Zeitzonen) synchronisiert sein, sondern kann auch durch die Physik des Tonbandgeräts bestimmt sein. Sind Aufnahme- und Wiedergabekopf gleichzeitig aktiviert, dann ermöglicht das Tonband einen automatisierten Umgang mit Zeitlichkeit im Millisekundenbereich. Ein solches Zeitintervall ist zu kurz, um in ihm zeitaufwändige und avantgardistische Schnitt- und Montageverfahren durchzuführen. Trotzdem gab es ein Feedback zwischen Tonband und bestimmten Gesangs- und Spieltechniken, die besonders im Rock’n’Roll prominent wurden. Geslappte Bässe und „Schluckauf“-Gesangsstile resonierten mit diesem ultrakurzen Intervall und exponierten das berühmt gewordene Slapback-Echo.

Den Einsatz des Tonbands als Radio werde ich über zwei Geschichten aufschließen. Zum einen über die Geschichte von Elvis Presleys Stimme, die im Sun Studio in Memphis (Tennessee) 1954/55 als Tonbandstimme entstand und die ab 1960 zunehmend zu einer croonenden Mikrophonstimme wurde. Zum anderen über die Geschichte des Tonbands selbst, welches in Deutschland entwickelt und erst als Kriegsbeute im Medienverbund mit dem Radio in den USA erfolgreich wurde. Beide Geschichten treffen sich an einem konkreten Ort: in der hessischen Kurstadt Bad Nauheim. In Bad Nauheim erfuhr 1945 der G.I. John Mullin von der Hochfrequenzvormagnetisierung, die zur Erfolgsbedingung des Tonbands in den USA wurde. In Bad Nauheim wohnte von 1958 bis 1960 der G.I. Elvis Presley und trug zur Popularisierung des Rock’n’Roll in Deutschland bei. Jedoch begann nach Presleys Rückkehr in die USA dessen Tonbandstimme zu schwinden.