Humboldt-Universität zu Berlin - Medienwissenschaft

Gusztáv Hámos: "Foto / Film / Medium"

  • Wann 20.11.2013 von 18:00 bis 20:00 (Europe/Berlin / UTC100)
  • Wo Georgenstraße 47, R. 0.01 (Medientheater)
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Fotofilme sind Filme, die im Wesentlichen aus stillstehenden Fotografien bestehen, die unsere Sehgewohnheiten hinterfragen, die uns das Kino denken lassen. Fotofilme verlangen nach einem aktiven, reflektierenden Zuschauer. Denn sobald das Bild im Film steht, lädt es uns zur Kontemplation ein und wir finden Gefallen an dem »mehr Sehen«, auch daran, am Bilderstudium des Autors beteiligt zu sein, das Bild als Begriff zu interpretieren, an den imaginären Erweiterungen, zu denen wir inspiriert werden. Der Fotofilm öffnet Zwischenräume: Zwischen den unbewegten Bildern im Film befinden sich »mögliche Räume«, »fruchtbare Plätze«, die durch Imagination aufgeladen werden.

Fotofilme sind experimentelle Labore, die uns erlauben, das Filmische neu zu denken und einen Diskurs zu führen zum Stillbild im kinematografischen Kontext.

Mit dem zweiten Bild einer Bilderserie wird ein Notationsverfahren entwickelt, durch das sich die fundamentale Differenz zwischen dem natürlich Erfahrbaren und dem von den Medien aufgezeichneten Leben deutlich feststellen lässt.  Fotografische Programme lassen das Unwahrscheinliche wahr erscheinen; so wie Marey die unfassbaren Bewegungsabläufe für die menschliche Wahrnehmung fassbar machte.

Das Stillbild in kinematografischen Kontext hinterfragt die menschliche Zeitwahrnehmung und damit auch die filmische Zeit: das Foto im Film versichert uns, dass das, was wir jetzt sehen, zweifellos dagewesen ist. Es gibt uns diese Referenz des Vergangenen in der «kinoeigenen Gegenwart» und lässt uns damit (an) alle weiteren Zeitdimensionen denken.


Fotofilm_Onlinekatalog


In der 2010 erschienenen Publikation Viva Fotofilm – bewegt/unbewegt (Herausgeber: Gusztáv Hámos, Katja Pratschke, Thomas Tode, Seiten 368, 700 Abbildungen), veröffentlichten wir im Anhang erstmals eine chronologisch geordnete Filmografie mit mehr als 200 Filmtiteln. Die Filmliste ist das Ergebnis von 6 Jahren Recherche, sie bildet das Ausgangsmaterial für das Vorhaben Fotofilm_Onlinekatalog.

Die international angelegte Filmografie umfasst Filme aus einem Zeitraum von 1948 bis 2012 mit FilmemacherInnen wie Chris Marker, Agnès Varda, Hollis Frampton, Alain Resnais, Sergej Eisenstein, Raul Ruiz, Jean-Luc Godard, Hollis Frampton, Arthur Lipsett, Leonore Mau & Hubert Fichte, Elfi Mikesch, Peter Nestler, Jürgen Böttcher, Hartmut Bitomsky, Silke Grossmann, Ken Jacobs, Sirkka-Liisa Kontinnen, Shelly Silver, Sean Snyder, Takashi Ito, Nagashi Oshima, Satake Maki, u.a.

Fotofilm als Wahrnehmungsexperiment erinnert uns daran, dass das Medium Film sich nicht im Unterhaltungskino erschöpft, sondern noch ganz andere Funktionen haben kann. Die Medienkunst und Medienwissenschaft ruft weitere Optionen der Wahrnehmungserweiterung in uns wach, im Kampf gegen die Beschränkung durch gesellschaftliche und wirtschaftliche Medienpraxis.

Der Fotofilm, der nach aktiven Zuschauern verlangt, will die anekdotische, diegetische Darstellung nicht unbedingt zerstören, sondern subvertieren, »die Subversion von der Zerstörung trennen«. Das eigentlich Filmische ist weder in der Bewegung, noch in der Narration zu finden, sondern in einem »dritten Sinn«, der nach Barthes dort einsetzt, wo »die Sprache aussetzt« und Platz macht für ein Verstehen, das bislang nicht in Worte gefasst werden konnte.