Humboldt-Universität zu Berlin - Medienwissenschaft

Humboldt-Universität zu Berlin | Institut für Musik­wissen­schaft und Medien­wissen­schaft | Medienwissenschaft |  ↳ Medientheorien | Kolloquium | Axel Roch: "Vortrag zur Ausstellung 'heidersberger. rhythmogramme - das gestimmte Bild'" // Vorführung des Films von Ali Altschaffel zum Rhythmographen // Diskussionsrunde mit Bernd Rodrian, Benjamin Heidersberger, Axel Roch

Axel Roch: "Vortrag zur Ausstellung 'heidersberger. rhythmogramme - das gestimmte Bild'" // Vorführung des Films von Ali Altschaffel zum Rhythmographen // Diskussionsrunde mit Bernd Rodrian, Benjamin Heidersberger, Axel Roch

  • Wann 30.04.2014 von 18:00 bis 20:00 (Europe/Berlin / UTC200)
  • Wo Georgenstraße 47, R. 0.01 (Medientheater)
  • Termin zum Kalender hinzufügen iCal

 

 

Diskussionsrunde mit:
 
Bernd Rodrian (Leiter Institut Heidersberger)
Benjamin Heidersberger (GF Institut Heidersberger und Sohn des Kuenstlers)
Axel Roch (Co-Kurator der Ausstellung in der Petra Rietz Salon Galerie)
 
 
Davor:
 
Dr. Axel Roch
Vortrag zur Ausstellung
"heidersberger. rhythmogramme - das gestimmte bild"
 
Axel Roch thematisiert das Verhältnis von Licht, Rhythmos, Kunst und Architektur im Hinblick auf die Rhythmogramme Heinrich Heidersbergers. Heidersberger ist bekannt als Architekturphotograph der Nachkriegsmoderne. Nachskizziert wird sein spezifisch künstlerischer Blick, geschult an der "scuola metafisica" bzw. der "pittura metafisica" -- also der metaphysischen Malerei. Anschliessend sollen medienhistorische und kunstphilosophische Aspekte und Thesen in Bezug auf Heinrich Heidersberger als Medienkünstler vorgestellt und diskutiert werden.
 
 
Und eine Präsentation des Films von Ali Altschaffel zum Rhythmographen:
http://vimeo.com/89780677
 
 
Zur Ausstellung:
http://www.petrarietz.com/home.php?l=de&sel=curr
 
12. April - 5. Juli 2014
Do–Sa, 15–18.30 Uhr und nach Vereinbarung
zum Gallery Weekend vom 1. - 4. Mai von 12 - 19 Uhr
 
Die Petra Rietz Salon Galerie zeigt circa 40 Rhythmogramme des Künstlers und Fotografen Heinrich Heidersberger (1906–2006).
 
Die abstrakten Fotografien nahm Heidersberger mit einer eigens konstruierten Maschine auf. Dabei setzten vier Pendel einen Lichtpunkt in Bewegung, der in einer Langzeitbelichtung aufgenommen wurde. Die Werkserie der Rhythmogramme, die zwischen 1953 und 1965 entstanden ist, fand schon bald ein begeistertes Publikum: Zu den prominentesten Käufern zählte der französische Künstler Jean Cocteau, der Picasso 1956 mehrere Exemplare schenkte. Die zeitlos wirkenden Kompositionen wurden auch im angewandten Kunstbereich eingesetzt, unter anderem verwendete der Südwestfunk in den 1960er-Jahren ein Rhythmogramm von Heidersberger als Logo.
 
Im 175. Jubiläumsjahr der Fotografie werden die Rhythmogramme erstmals in einer Schau in Berlin zu sehen sein. Die Ausstellung „heidersberger. rhythmogramme – das gestimmte bild“ verortet die preisgekrönten Lichtbildkompositionen innerhalb des Gesamtwerks von Heinrich Heidersberger, der als Fotograf, Maler, Tüftler und Medienkünstler tätig war. Darüber hinaus werden die fotografischen Experimente in einen kunst- und medientheoretischen Kontext gestellt. Parallel zur Ausstellung erscheint die Publikation „Heinrich Heidersberger. Light Harmonies“ im Hatje Cantz Verlag.
 
Heinrich Heidersberger taufte seine Lichtbilder Rhythmogramme, die selbstgebaute Maschine nannte er Rhythmograph. Diese aus dem Bereich der Musik entlehnten Begriffe beschreiben die harmonischen Kompositionen als „gestimmte Bilder“, die auf einem von Heidersberger vorgegebenen Schwingungsverhältnis der Pendel basieren.
 
1955 verwendete Heidersberger seine Erkenntnisse über harmonische Schwingungen in einem großflächigen Wandbild für die neu gebaute Ingenieurschule in Wolfenbüttel – der heutigen Fachhochschule. Darin dienten die Schwingungen noch als graphisches Verbindungselement zur Visualisierungen der verschiedenen technischen Disziplinen der Hochschule. In den folgenden Jahren verfeinerte Heidersberger die Herstellungsmethode seiner Figuren und entwickelte immer komplexere Strukturen. Die anfänglich rudimentären Bilder wandelten sich in exakt komponierte Schwingungsbilder.
Betrachtet man ihre chronologische Reihenfolge, was an Hand der Archivierungsnummern leicht möglich ist, so lassen sich beispielsweise die Entwicklungen zur Symmetrie der Figuren oder die Entstehung neuer Varianten durch Solarisation (Umkehrung von Negativ in Positiv durch Überbelichtung) oder Umkopieren nachvollziehen. Bereits 1962 wurden die Rhythmogramme in der Galerie Brusberg in Hannover gezeigt. 1957 gewann Heidersberger mit einer Fotografie die Silbermedaille auf der Triennale in Mailand. Im Jahr zuvor lernte Heinrich Heidersberger Jean Cocteau im südfranzösischen Mougins kennen. Cocteau, der dort Picasso besuchte, war so beeindruckt, dass er dem Meister einige Arbeiten als Geschenk übergab.
 
Der Rhythmograph, der in der Ausstellung in einem Film zu sehen sein wird, ist eine Maschine aus Stahlrohren, Gelenken und Gewichten, die einen bewegten Lichtpunkt mittels mechanischer Pendel, einem Spiegel und einer Kamera mehrere Minuten lang aufnimmt. Der Lichtpunkt wird dabei mit zwei Blenden zu einem annähernd parallelen Lichtbündel formiert. Dieses Lichtbündel trifft auf einen beweglichen Oberflächenspiegel, der mechanisch mit den vier Pendeln gekoppelt ist. Das Lichtbündel wird in eine selbst konstruierte Kamera mit Mattscheibe gelenkt, die Heidersberger zur Beobachtung diente. Die Pendel wurden von Heidersberger in Bewegung gebracht und der Lichtstrahl in Langzeitbelichtung aufgenommen. Durch das rhythmische Ausschalten des Lichtstrahls während der Belichtung entstanden geschichtete Figuren, ebenso wie durch das Ineinanderkopieren verschiedener oder gleicher Muster.
 
Die analog entstandenen Rhythmogramme von Heinrich Heidersberger erinnern heutzutage auch an digitale Kunst. Bereits 2006 rückte der Kunstverein Wolfsburg die Arbeiten in den Kontext der Geschichte generativer Ästhetik. Die Berliner Ausstellung in der Petra Rietz Salon Galerie erweitert diesen Rahmen und begreift die vielfältigen Arbeiten des Künstlers als eine Auseinandersetzung der Künste mit den Medien.
 
Heinrich Heidersberger wurde 1906 in Ingolstadt geboren und wuchs in Österreich auf. Seine künstlerische Laufbahn begann er als Maler. Von 1928 bis 1931 lebte er in Paris und schrieb sich in die École Moderne von Fernand Léger ein. Dort war er mit vielen Surrealisten befreundet. Auf dem Flohmarkt erstand er eher zufällig eine Kamera und widmete sich in den Folgejahren der Fotografie. Bereits Ende der 1940er-Jahre publizierte er die ersten Reportagen unter anderem im Magazin „Stern“. 1961 zog es Heidersberger nach Wolfsburg. Dort dokumentierte er das Leben in der rasant wachsenden Industriestadt. Die Aufnahmen aus dieser Zeit gelten bis heute als Ikonen der deutschen Nachkriegsmoderne.
Das Werk von Heinrich Heidersberger ist äußerst vielfältig und reicht von der Architektur- und Industriefotografie über die abstrakte Fotografie bis hin zur Dokumentation. Werke von Heinrich Heidersberger befinden sich heute in internationalen Museen, unter anderem im Museum of Modern Art in New York. Heidersberger war in zahlreichen Ausstellungen vertreten. 2008 widmete ihm das Kunstmuseum Wolfsburg eine umfassende Einzelausstellung. Seit über zehn Jahren beschäftigt sich das Institut Heidersberger intensiv mit der Aufarbeitung seines Œuvres.
 
Kuratoren: Axel Roch und Bernd Rodrian
 
http://www.petrarietz.com/db_press/PM_Rhythmogramme_PRSG_pr_de_24.pdf
 
Publikation: Heinrich Heidersberger – Light Harmonies
Hatje Cantz Verlag, Hrsg. Andrew Witt (Harvard University, Cambridge, MA)
dt./ engl., 128 Seiten, 120 Abb., 2014, ISBN 9783775737746