Humboldt-Universität zu Berlin - Medienwissenschaft

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Nikita Braguinski: "Die Eigenzeit des Körpers und die Maschine" (Dissertation)

  • Wann 14.01.2015 von 18:00 bis 20:00 (Europe/Berlin / UTC100)
  • Wo Georgenstraße 47, R. 0.01 (Medientheater)
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In meinem Vortrag, in dem ich einen weiteren Abschnitt der entstehenden Dissertation vorstelle, werde ich auf die Frage nach der Motivation für das maschinisierte Spiel eingehen: Was steht hinter dem Wunsch, die eigenen Sinne an das Interface eines algorithmisch prozessierenden, im Mikrozeitlichen operierenden Apparats anzuschließen?

 

Wolfgang Ernst hat wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass die moderne elektronische Maschine in einem Geschwindigkeitsbereich operiert, der es für Menschen völlig unmöglich macht, ihre Funktionalität direkt zu beobachten. Diese Situation entspricht einem Zustand ihrer inneren Unzugänglichkeit, als existierte sie in einer von der Temporalität des menschlichen Bewusstseins vollständig abgekoppelten Zeitschicht. Der von Wolfgang Ernst zur Beschreibung dieses Zusammenhangs verwendete Begriff ist Eigenzeit.

 

Von Claus Pias stammt die Analyse des elektronischen Spiels als einer Art Derivativ des psychologischen Experiments des 19. Jahrhunderts, das mikrotemporale Reaktionscharakteristiken der Probanden untersuchte, sowie seiner heutigen Entsprechung, des populären IQ-Tests.

 

Basierend auf den Begriffen der Eigenzeit und des Tests werde ich in meinem Vortrag dafür argumentieren, dass das Verlangen des Subjekts, einen Kontakt zu den unzugänglichen inneren Prozessen seines Körpers herzustellen, um sich ihrer korrekten Funktionalität zu versichern, eine Erklärung für die Attraktivität des maschinisierten Spiels liefert. In diesem Sinne werden der menschliche Körper und der kognitive Apparat als eine Maschine mit einer Eigenzeit betrachtet, die der bewussten Wahrnehmung durch das Subjekt entzogen ist. Die im Bereich der Millisekunden operierenden Neuronen, die blitzschnellen Muskelreflexe, die einzelnen Schritte der Abläufe im Blutkreislauf und in den inneren Organen - all das scheint in einem Zeitbereich zu existieren, der zu der bewusst wahrnehmbaren Welt des Subjekts keinerlei Verbindung aufweist. Es ist also nicht nur das Unbewusste dem Blick des Subjekts entzogen, sondern auch das Mikrotemporale und das Verborgene seines eigenen Körpers, auf den es zur Erfüllung seiner Lebensfunktion aber direkt angewiesen ist. Sich von der Funktionalität dieser inneren Maschine zu vergewissern ist ein großes psychologisches Bedürfnis, aber es kann nur dadurch befriedigt werden, dass man sich an eine "äußere" Maschine anschließt, die in der Lage ist, die Körperprozesse technologisch auszumessen. In diesem Sinne ist es unvermeidlich, dass sich das menschliche Subjekt an das technische Medium ausliefert, denn nur dieses ist imstande, sich mit seiner Eigenzeit auf die Eigenzeit der Körper-Maschine einzuschwingen.

 

Der Vortrag wird durch eine Kurzvorstellung der Gesamtstruktur der Dissertation ergänzt.