Humboldt-Universität zu Berlin - Medienwissenschaft

Alan Fabian: Zum Stand der musikwissenschaftlichen Dinge (Dissertation)

  • Was Kolloquium „Medien, die wir meinen“
  • Wann 26.05.2010 von 18:00 bis 20:00 (Europe/Berlin / UTC200)
  • Wo Sophienstraße 22a, R. 0.01 (Medientheater)
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Stand der musikwissenschaftlichen Dinge:

Die historische Musikwissenschaft hat sich – nicht nur in der Vergangenheit (!) – mit dem Verhältnis der beiden Einheiten Werk und Komponist beschäftigt: Mit den „Erfindungen“ musikalischer Ideen, die ihren „Ursprung“ im Komponisten-„Genie“ haben und sich in der „Einheit seines Werks“ auffinden lassen; den „Entwicklungen“ dieser genialen Einfälle, die sich in der „Kontinuität“ einer jahrtausendealten europäischen Musik-„Tradition“ werkhaft nachverfolgen und damit nacherzählen lassen; den „Einflüssen“ der Komponisten und ihrer Werke untereinander, die einen komponistischen Gesamt-„Geist“ hervorrufen. (Die Begrifflichkeiten der Ideengeschichte sind hier zitiert nach Foucaults „Archäologie des Wissens“.)

Foucault ruft:

Dass der allergrößte Teil der Musikwissenschaffenden seit nun fast 40 Jahren den Aufruf Foucaults das Ende einer solchen Ideengeschichtsschreibung, einzugestehen und den Zuruf die Unordnung und die Unfassbarkeit der zeitlichen Ereignisse zuzulassen – sowie die zugehörigen zeitgeschichtlichen Ordnungsregeln in Ausgesagtem – einfach so überhört hat, erscheint unverständlich, da die Foucaultsche Diskursanalyse in einer Vielzahl wissenschaftlicher Domänen längst als eine vieler möglicher Wissenschaftsmethoden selbstverständlich ist.

Musikwissen mittels Medienarchäologie

So stellt sich mir als Musikwissenschaftler, der Foucaults Rufe nicht überhören will, die Aufgabe, eine Wissensarchäologie der Musik zu (ver-)suchen. Diese (Musik-)Archäologie denke ich medienarchäologisch (Medienarchäologie im Anschluss an Foucault  nach Ernst), meint, ich beschreibe nicht nur diskursive Praktiken, die sich in Regelmäßigkeiten von Aussagen zur Musik auffinden, sondern auch die „non-diskursive[n] Praktiken“ musikalischer (Speicher-)Medien – Notenschrift, Partitur, Computer(programme). Grund dafür ist meine Frage nach dem Verhältnis von Auf-/Einschreibemedien der Musik und dem jeweils zugehörigen Musikdiskurs. Mein zeitgeschichtliches Fallbeispiel ist die Computer(kunst)musik der 50/60er Jahre in Europa und den USA. (Einen ähnlichen geschichtlichen Bruch wie die Computermusik stellt zum Beispiel auch die Mensuralmusik des Mittelalters Ende des 13. Jahrhunderts dar.)

Computermusikprogramme, „Free Stochastic Music“ (Iannis Xenakis) und „MUSICOMP“ (Lejaren Hiller):

Hier zeigen sich (non-)diskursive Praktiken nicht erst in geschichtlichen Beschreibungen, sondern in source codes für Computercompiler; das „Archiv“ als Musikwissensspeicher ist hier ablesbar, eingeschrieben in ausführbaren Computerprogrammen. In dieser Tatsache besteht die einmalige Möglichkeit, diskursive Reglementierungen an logisch (Computermusikprogrammen) und physikalisch (Computertechnologie) codierten Schaltungen abzulesen.

An Hand dieser (musik)medienarchäologischen Ergebnisse und der Aussagen der Zeit beschreibe ich dann die Aussageregelmäßigkeiten, die die Begriffsformation der Computer(kunst)musik bedingen. Schon das Aufzeigen der Durchführbarkeit dieser Methode an sich beantwortet eigentlich dann die Fragestellung des Verhälnisses musikalischer und medialer Praktiken: Was musikalisch aussagbar ist, das bedingen die non-diskursiven Praktiken, die in Computertechnologie eingeprägt sind.

Musikgeschichtsserien

Ziel der Arbeit ist es (Computer-)Musikgeschichte anders zu schreiben, nämlich seriell...