Direkt zum InhaltDirekt zur SucheDirekt zur Navigation
▼ Zielgruppen ▼
 

Humboldt-Universität zu Berlin - Medienwissenschaft

Dr. phil. Shintaro Miyazaki: Algorhythmisiert. Trans-sonische Medienarchäologie digitaler Gefüge

(Abgeschlossen/verteidigt, Feb. 2012)


Diese Dissertation untersuchte die Geschichte und Medienarchäologie der rhythmischen, sonischen, mitunter auch musikalischen Aspekte digitaler Medien- und Informationstechnologien zwischen 1930 und 2010 mit einem Rückgriff auf das Spätmittelalter und das 19. Jahrhundert. Kernkonzept war dabei die Kombination und Begriffsverschiebung von Algorithmus und Rhythmus hin zu Algorhythmus. Der neuartige Fokus auf klanglich-rhythmische Aspekte des Digitalen zeigte einige innerhalb der Medien- und Kulturwissenschaften bisher nur am Rande diskutierte Sachverhalte, wie etwa den Zusammenhang ihrer Maschinerie mit spätmittelalterlichen Uhr- und Schlagwerken, der Stiftwalze, Musikautomaten, polyphonischer Musik, arithmetischen Rechenmaschinen, indisch-arabischer Mathematik und der Philosophie von Aristoteles.

Eine der Kernuntersuchungen der Dissertation befasste sich mit einer historischen, aber bereits digitalen Medienkultur, die zum ersten Mal kultur- und medienwissenschaftlich aufgearbeitet und dabei als algorhythmische Hörpraxis bezeichnet wurde. Diese ungefähr auf den Zeitraum zwischen 1949 und 1962 eingrenzbare, aber fast global praktizierte Ingenieurpraxis bestand darin, die anhand abstrakter Algorithmen gesteuerten und von den ersten Computern ausgeführten, elektronischen Rechenprozesse durch einfache Verstärker-Lautsprecher-Schaltungen zu verklanglichen. Algorithmen wurden hier wortwörtlich zu Algorhythmen. Diese einfachen Klangsysteme waren die ersten Schnittstellen und Interfaces, welche computerisierte Rechenprozesse in Echtzeit ästhetisieren konnten und damit sinnlich erfassbar machten. Anhand von bisher ungenutzten historischen Quellen und Interviews mit Zeitzeugen beschrieb respektive analysierte die Dissertation einige Aspekte dieser bisher unerforschten Praxis im Kontext früher elektronisch-digitaler Großrechner.

Meine Arbeit untersuchte jedoch auch einige der jüngsten Ereignisse der digitalen Medienkultur. Sie analysierte zum Beispiel die Algorhythmik des nahezu abrupten Zusammenfalls des US-Finanzmarktes vom 6. Mai 2010, der später Flash-Crash genannt wurde. Grund für dieses Medienereignis im wortwörtlichen Sinne war das in der Dissertation detailliert analysierte, spezifische Zusammenspiel von diversen Softwaresystemen und die konkrete mikro-temporale Interaktion verschiedener Algorithmen und ihre unerhörten Zeiteffekte. Diese entstehen durch so genanntes „Algorithmic Trading“, das seit etwa 2007 den globalen Finanzhandel maßgeblich verändert hatte. Weitere Themenfelder waren: Phone-Freaking (Phreaking), AT&T Crash, Kommunikationsprotokolle, Festplatten, digitale Signalverarbeitung, Datasettes, elektromagnetische Wellen, Agencement, non-lineare Dynamik.

Algorithmen und ihre Rhythmen prägen tatsächlich unsere aktuelle Lage. Meine historische, aber auch erkenntnisgesteuerte Analyse der Bedingungen des Speicher-, Übertrag- und Prozessierbaren im Bereich digitaler Medientechnologien bietet Anknüpfungspunkte für weitere Untersuchungen, die ihre politischen, ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Effekte analysieren möchten. Sie versteht sich in diesem Sinne als Teil einer geisteswissenschaftlichen Grundlagenforschung.

Die Dissertation wurde im Mai 2013 unter dem Titel „Algorhythmisiert. Eine Medienarchäologie digitaler Signale und (un)erhörter Zeiteffekte“ beim Kadmos Kulturverlag in einer leicht editierten und verbesserten Fassung publiziert.

Links