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Humboldt-Universität zu Berlin - Medienwissenschaft

Zeitigungen von Medien

Abstract

ZEITIGUNGEN VON MEDIEN. Epistemologische, gestalterische und experimentelle Alternativen zur (bisherigen) Mediengeschichtsschreibung. 15. & 16. Oktober 2014


Humboldt-Universität zu Berlin / Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW (Basel)

Veranstaltungsort: Medientheater, Humboldt Universität zu Berlin / Georgenstraße 47, 10117 Berlin


Es ist an der Zeit, den Medien ihre Eigenzeit zu gewähren. "Zeitigungen von Medien" seien hier aktiv wie passiv verstanden. Eine Reihe aktueller Studien und Veröffentlichungen (etwa von Hilgers / Ofak 2010) - widmet sich bereits der durch technische, elektronische und technomathematische Medien bedingten Emergenz neuer Zeitfiguren, welche den vertrauten historischen Diskurs von Technik- und Mediengeschichtsschreibung irritieren oder gar sprengen. Die Einsicht, daß mediale Historiographien am Werk der Geschichte mitwirken, hat sich im Diskurs der Medienwissenschaften und verwandter Fächer herumgesprochen und längst kommt im Rahmen sogenannter Digital Humanities der Computer zum Einsatz in der Simulation von Geschichte. Doch schon bei Heidegger und Simondon, aber auch in Kittlers Werk finden sich zahlreiche Indizien für eine Vermutung nicht-historischer Medien- und Kulturzeit, die darüber hinausgehen; Begriffe wie "Rekursionen", "Loops" oder "Gleichursprünglichkeit" stehen dafür. Die epistemologische Infragestellung der vertrauten Medienhistoriographie durchbricht jedoch zumeist nicht die Schallmauer des historischen Verstehenshorizonts - die "Geschichte" als Rahmen, die Philosophie der evolutionären Makrozeit. Unabdingbar sind Medien als Technik mit der allgemeinen Kulturgeschichte verwoben; zugleich aber brechen sie als Zeitwe(i)sen aus dieser schlichten Untergliederung ekstatisch aus. Eine kopernikanische Wende steht an, ein Paradigmenwechsel; wir schreiben die Zeit der Medien noch im ptolemäischen Weltbild der Geschichte, also rein menschkulturbezogen und verfangen. Es ist an der Zeit, nicht mehr nur das Unbehagen an klassischen Mediengeschichten zu ahnen und ihre Alternativen nur zu behaupten, sondern sie konstruktiv non-diskursiv zu experimentieren und in Fallstudien tatsächlich zu formulieren.

Einen Schwerpunkt der Arbeitstagung wird zum Einen die Experimentierung konkret verdinglichter medientechnischer Fügungen bilden, welche den klassischen Begriff kultureller Geschichte aufsprengen oder unterlaufen: "experimentelle Archäologie von Medienwissen(schaft)". Hier ist die Operativität medienarchäologischer Artefakte, an denen ekstatische Medienzeit unmittelbar erfahrbar wird.

Des Weiteren bleibt zu diskutieren, warum sich alternative Begriffe von Medienzeit privilegiert anhand "sonischer" Zeitverhältnisse bilden, wie sie entweder durch Technologien selbst und / oder neue medientheoretische Wissensmodellierungen induziert werden (Miyazaki 2012; Ernst 2014). Eine Ahnung anderer Zeitlichkeit: "The concept of linear, historical time is denied, if not actually eliminated, by the electroacoustic media. If a particular sound can be preserved and embedded within that originating from any other time, the concept of a linear flow of time becomes an anachronism." (Barry Truax, Acoustic Communication, Norwood: Ablex, 1984, S. 115)

Am Ende hinterfragt die Geschichtstheorie die Herausforderung einer linearen Geschichtszeit: Statt schlicht alternative Medienhistoriographien hinzuzufügen, gilt die Suche nach Alternativen zur Mediengeschichte höchstselbst. Der Workshop widmet sich der vielerorts gewachsenen Sensibilität für die Zeitfigur der Rekursion in ihren meta- oder gar contrahistorischen Dimensionen.

Der Workshop besteht aus operativen Beiträgen und Kurzvorträgen (nicht monumentale Textblöcke). Idealerweise sind die objektbezogenen Beiträge zumindest ansatzweise theoretisch, d. h. von der Fragestellung informiert, und umgekehrt die eher theoretischen Beiträge zumindest ansatzweise praxisbezogen.

Das Arbeitstreffen spiegelt methodische Forschungs- und Ausbildungsschwerpunkte der beiden Veranstalter. Die Frage nach der Stellung von Medien in der Zeit ist eine medienarchäologische (Institut für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft, Lehrstuhl Medientheorien, Humboldt-Universität zu Berlin); die Experimentierung nicht-historiographischer Ausgestaltung und Darstellung solcher unhistorischer Zeitverhältnisse obliegt dem technisch orientierten Wissensdesign (Hochschule für Gestaltung und Kunst, Basel, Institut Experimentelle Design- und Medienkulturen).

Somit ergeben sich die beiden Schwerpunkte der Arbeitstagung:

a) Das "Re-enacment" technologischischer Artefakte (analog & digital)
b) Wie nicht Mediengeschichte schreiben? Experimentelle Durchbrüche

Falls das durch diesen Workshop mobilisierte Wissen und die technologische Einsicht dazu drängen, wird eine (um weitere Beiträge zu eränzende) Publikation über alternative Mediengeschichtsschreibung ins Auge gefasst.