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Humboldt-Universität zu Berlin - Medienwissenschaft

Zeitigungen von Medien

Epistemologische, gestalterische und experimentelle Alternativen zur (bisherigen) Mediengeschichtsschreibung

 

"Zeitigungen von Medien" ist der Titel einer am 15. & 16.10.2014 stattfindenden Arbeitstagung des Lehrstuhls Medientheorien (Humboldt-Universität zu Berlin) in Kooperation mit dem Institut für Experimentelle Design- und Medienkulturen (Hochschule für Gestaltung und Kunst, Basel).

 

Zum Abstract der Tagung (Link); English Version (Link)

 


 

Zeitigungen von Medien. Epistemologische, gestalterische und experimentelle Alternativen zur (bisherigen) Mediengeschichtsschreibung

 

Wann: 15. & 16.10.2014

Wo: Medientheater des Fachgebiets Medienwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, Georgenstr. 47, 10117 Berlin, Raum 0.01

Programm: (durch Klicken auf den Vortragstitel gelangen Sie zum Abstract des jeweiligen Vortrags)

15.10.2014
  • 14.00 Shintaro Miyazaki / Wolfgang Ernst: Begrüßung und Einleitung in das Thema des Arbeitstreffens; anschließend:
  • Wolfgang Ernst (Humboldt-Universität zu Berlin): MEDIENZEITLICHE MINIATUREN

SEKTION I: Das "re-enactment" technologischer Artefakte:

Experimentelle (Medien-)Archäologie

 

kurze Kaffeepause

kurze Kaffeepause

 

16.10.2014

SEKTION II: Der akademische Nachwuchs hat das Wort.
Wissensgestalterisches Laboratorium alternativer Medienhistoriographie

 

13 - 15 Uhr Mittagspause

SEKTION III: Historiale Diagrammatik.
Argumentative und (historio-)graphische Erprobungen einer anderen
Medienzeitlichkeit

 

17 - 18 Uhr Pause

ab 20 Uhr: Ausklang im Medienarchäologischen Fundus, Am Kupfergraben 5

 


 

Abstracts der Redner (chronologisch geordnet):

 

Wolfgang Ernst:

Medienzeitliche Miniaturen


Mein Beitrag wird zweierlei Indizien für ein gewisses Unbehagen an den bisherigen Ausdrucksformen von Mediengeschichte versammeln. Einerseits resultiert dieses Unbehagen aus der tatsächlichen, instantanen Erfahrung realer Technologien aus der Vergangenheit (Fallstudien und Urszenen von Medienarchäographie); andererseits wird solches mediengeschichtskritisches Unbehagen in gegenwärtigen Medien-, Kultur- und Geschichtswissenschaften expressis verbis artikuliert, ohne bislang zu einer eigenständigen Alternative ausformuliert worden zu sein (so thematisierte etwa Friedrich Kittler - in seinen diskursstiftenden Werken ebenso wie in seinem Spätwerk - in mehreren Momenten die Grenzen von Mediengeschichtsschreibung). Wie also Medien-in-der-Zeit nicht als Geschichte schreiben?


Peter Donhauser:

Archäologie elektroakustischer Musikinstrumente


Viele der ersten historischen elektronischen Musikinstrumente sind nicht überliefert, in einem unspielbaren Zustand oder nur "symbolisch" als Schaltplan existent. Reverse engineering ist daher die einzige Methode, über ihre Funktion oder ihren Klang eine sichere Aussage zu treffen, denn es existieren nicht immer authentische Tonaufnahmen. Im Fokus des Vortrags steht der "Max Brand" Synthesizer (Ende der 1950er Jahre), den Bob Moog nach dem Vorbild des Mixturtrautoniums baute. Zudem wird eine vorerst rätselhafte Konstruktion besprochen, die Eigenschaften eines optischen Wavetable-Synthesizers hat.

 

Stefan Höltgen:

Time Invaders. Zeitschichten im Computer als Spiel

Im Digitalcomputer treffen unterschiedlichste Zeiten aufeinander; reale, symbolische, lineare, zirkuläre, unikale, rekursive. Die Leistung des Computers ist es, all diese Zeiten zu synchronisieren, um Hard- und Software so gleichzuschalten, dass aus allen möglichen symbolischen Maschinen die eine spezielle werden kann. Im Vortrag heißt diese Maschine „Space Invaders“, ein Spiel aus dem Jahre 1978, realisiert auf einem 8-Bit-Mikrocomputer. Das Spiel soll schrittweise in seine Zeit-Schichten und -Arten zerlegt werden, um die Vielgestaltigkeit der Synchronisationsleistung des Computers vor Augen zu führen. Dabei führt uns die Analyse von der anthropologischen Oberfläche gespielter Zeit und Spielzeit hinab über die maschinellen Zeiten von Signalfluss und Code bis hin zu den untersten Ebenen der Mikrozeiten und Zeitsprüngen und „Times of Non-Reality“ der Elektrophysik - um einmal mehr zu zeigen, dass wir bei jedem Reden über Zeit stets in einem Reden vom Raum enden.


Shintaro Miyazaki:

Non-lineare Pfade der Medientechnik. Der Chua-Schaltkreis

Non-lineare Systeme lassen sich nicht nur etwa durch logistische Gleichungen mathematisch modellieren, sondern die chaotische Dynamik solcher Systeme lässt sich durch einfache Schaltkreise physikalisch modellieren. Eines der bekanntesten und einfachsten Schaltkreise dieser Art ist „Chua's Circuit“, der 1983 an der Waseda University in Japan von Leon Chua, damals Visiting Researcher von der University of California Berkley, entwickelt wurde.

Der Vortrag legt die medientheoretischen Potentiale dieser Schaltung dar. Einerseits geht es um den Versuch nicht-lineare, aber zeitlich ablaufende, das heißt pfadabhängige Prozesse wie Geschichte durch non-linearen Modelle zu denken, andererseits wird es um die mediale, signalbasierte und damit operative Eigenschaft solcher Modelle gehen. Was passiert, wenn Medien mit Medien untersucht werden?


Stefan Haas / Rüdiger Brandis:

Die Maschine als Agency. Simulationen als Medien der Theoriebildung in der Geschichtswissenschaft

Die Geschichtswissenschaft war lange Zeit von einem Bilderverbot geprägt. Die (historische) Einbildungskraft galt zwar als wesentliches Funktionselement ihrer Tätigkeit. Widerspiegeln durfte sich diese aber nur im chronologisch gegliederten linearen Text. Alles real Rekonstruierende und damit die historische Wirklichkeit auch Simulierende galt wie etwa Modelle im Museum als unwissenschaftlich und war bestenfalls unter pädagogischen Gesichtspunkten akzeptabel. Mit den digitalen Medien hat sich nun nicht nur die Verfügbarkeit nichttextlicher Medien grundsätzlich gewandelt, auch der Gebrauch und damit die Akzeptanz von, ja geradezu das Verlangen nach simulierten Welten hat sich fundamental verändert. Bewegen wir uns damit auf dem Pfad einer „Nacherlebbarkeit“ von Geschichte in der zunehmend technisch perfekteren Simulation? Oder bleibt das Erkenntnissubjekt Im Zentrum des Erkenntnisprozesses und sind seine Interpretationen von Geschichte das, worum es eigentlich geht und nicht allein die kalten Fakten der Vergangenheit. Diese Probleme entscheiden sich an der Frage, wer eigentlich die Simulation erst imaginiert und  dann realisiert. Der Vortrag geht dieser Frage nach, ob die Maschine eine Agency hat, und wenn ja, welchen Einfluss dies auf den zukünftigen Umgang mit historischem Wissen haben wird.

ENTFÄLLT - Stattdessen wird Dr. Jan Claas van Treeck (Humboldt-Universität zu Berlin) den Vortragstitel DIE MASCHINE ALS AGENCY aufgreifen und exemplarische Geschichtssimulationen in Computerspielen vorstellen und zur Diskussion stellen.


Ines Liszko:

Technogenese

Dass Kulturgeschichte aus ihren Medien hervorgeht ist längst bekannt, jedoch mit dem Diktum der linearen Historiographie der Wissenschaftsgeschichte behaftet.
Dass sich der Fortschritt, oder besser die Genese technischer Objekte in Form von Information oder Simulation im Rahmen eines epistemologisch geführten Rekurses benennen lässt, ist ein experimenteller Ansatz für alternative Geschichtsmodelle. Um zu ergründen, wie sich die Genese der Objekte allerdings auf der Ebene konkreter Materialität verhalten könnte, bedarf es einer radikalen experimentellen Exegese der technologischen Objekte als Vermittler zwischen Mensch und Natur.
Kaum ein anderer Philosoph hat in den letzten Jahren für so viel Aufmerksamkeit in den Medientheorien gesorgt wie Gilbert Simondon.

Die Wiederentdeckung seines Werks und die Übersetzung der Publikation „Du Mode d'Existence des Objets Techniques“ (1958) bereichert den hiesig geführten Diskurs um die Existenzweise technischer Objekte.

Das technische Objekt umfasst bei Simondon eine Art Metastruktur, die sich durch spezielle Eigenschaften und Dynamiken auszeichnet. Hierfür bedient er sich Terminologien, die an Evolutionsbiologie erinnern, wie z.B. das technische Ensemble, Individuum, Hypertelie oder das Milieu. Simondon entwickelt dabei eine interessante Form von Mediengenese, die ihre Spuren in den Knotenpunkten des Wechselwirkens zwischen Objekt und Umwelt hinterlässt. Im Regime der Physik und Chemie findet sich das Souverän der technologischen Ordnung also rein in den Möglichkeiten seiner Objekte und Materialitäten.

Dieser Beitrag will versuchen den Spuren der technischen Genesen konkreter Objekte zu folgen und diese in Hinblick auf ihre Differenzen zu linearen Historiographien zu vertiefen.


Christoph Maurer:

10.000c. Zur Temporalität der Quantenverschränkung


Quantencomputing, -kryptografie sowie -teleportation bedienen sich des Phänomens der Quantenverschränkung. Verschränkten Systeme gehen eine nichtlokale Verbindung ein. Messungen an derartigen Systemen führen zu korrelierten Ergebnissen, wobei die Frage nicht geklärt ist, wie diese Raum und Zeit überbrückende instantane Reduktion von statten geht. Nach Salart et al. kann eine untere Schranke ermittelt werden, wie schnell die beiden Quantensysteme mindestens miteinander kommunizieren: 10.000-fache Lichtgeschwindigkeit (c). Der Begriff des Kanals steht hier zur Debatte.

Dass die Verschränkung eine Rolle bei der Erklärung des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik eine wesentliche Rolle spielt, wird erst seit jüngster Zeit diskutiert. Dieser Theorie folgend liefert die Quantenverschränkung die Erklärung für die Austauschprozesse im thermischen Bereich, wenn z.B. heiße Objekte abkühlen. Es werden also Korrelation aufgebaut, und eben keine Reduktion der überlagerten Zustände durch Dekohärenz bewirkt. Wenn Entropie anders bestimmt wird, ist dann das Shannonsche Informationskonzept obsolet, bedarf es einer Neujustierung?

In dem Vortrag soll erörtert werden, welche Konsequenzen daraus folgen, wenn der quantenphysikalische Messprozess als Verschränkung von zu messendem Objekt und Messapparat angesehen wird: Wird Kommunikation dann durch den Begriff der Verschränkung ersetzt? Wie lange halten die Verschränkungen, und wie weitreichend sind die Korrelationen? Ist der Begriff des Kanals neu zu denken?


Ludwig Zeller:

Kontrafaktische Dingerzählungen


Der Vortrag widmet sich einem medienarchäologisch informierten Designbegriff, welcher eine historisch spekulative Alternativzeit verwendet bzw. entwirft. Diese steht in Unterscheidung zum gängigen Zeitverständnis im Design, welches zukunftsgewandt und daher projektiv und hervorbringend fokussiert ist.

Kontrafaktische Dingerzählungen dagegen finden ausgehend von verdrängten Technologieparadigmen statt und verwenden Fragestellungen im "Irrealis" anstelle des "Potentialis". Dabei wird gefragt, wie sich diese technologischen Endpunkte weiterentwickelt hätten und mögliche Antworten darauf in Form von kontrafaktischen Szenarien und hierfür entworfenen Artefakten zur Diskussion gestellt.

Das Vorhaben ist an einer Ausdehnung des Designs hin zu kulturellen und narrativen Aufgabengebieten interessiert und steht in Anlehnung an die Forschung zu Critical Design und der materiellen Kultur.


Tilman Baumgärtel:

Wie die Luft in die Kinderschokolade kommt. Loops als Figur der Medienzeit


I like it when loops are seamless, when they are really just this eternal thing that has no beginning and no end. They are meant to last forever.” William Baginski

Loops, deutsch häufig mit „Schleifen“ übersetzt, sind kurze Segmente von Klängen oder bewegten Bildern, die immer wieder wiederholt werden. Ursprünglich mit Tonband und Filmstreifen, heute in der Regel mit dem Computer erzeugt, erscheinen diese monoton-repetitiven Patterns in der historischen Betrachtung als eines der wichtigsten ästhetischen Gestaltungsmittel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Der technisch schlichte Trick, eine kurze Klang- oder Bildsequenz ad ultimo mit wenig oder gar keinen Variationen zu wiederholen, erlaubt nicht nur die Generierung einer verblüffenden Vielfalt von musikalischen und audiovisuellen Effekten. Er war auch der Ausgangspunkt für ganze musikalische und künstlerische Genres. Er stand am Anfang der Kreation von künstlerischen Rollenbildern. Und er hat revolutionäre Entwicklungen im Instrumentenbau bzw. in der Entwicklung von Musik- und Video-Software ausgelöst. So verschiedene Künstler und Musiker wie Nam June Paik und Elvis Presley, Karlheinz Stockhausen und die Beatles, Peter Roehr und Andy Warhol, Terry Riley und Ken Kesey haben von diesem erstaunlich flexiblen und vielseitigen Mittel Gebrauch gemacht und dabei sehr verschiedene ästhetische Resultate erzielt.


Horst Völz:

Variation von Zeitmaßen und mögliche Folgen für den Urknall


Die objektive Zeitmessung erfolgt heute auf der Basis von Atom-Uhren. Anderseits besitzt jedes System Eigenzeiten. Zeit erleben wir nur, wenn wir uns langweilen. In unserem Gedächtnis erscheint rückwirkend die abgelaufene Zeit stark verändert. Die wahrscheinliche Funktionsdauer von technischen Geräten muss häufig bei stark erhöhten Temperaturen erfolgen. Dafür gilt die 8°-Regel. Zeit ist also von verschiedenen Faktoren abhängig. Im Vortag werden hieraus Folgerungen abgeleitet. Sie entsprechen dann jenen, die wir analog bereits bezüglich Masse und Gewicht kennen.


Keynote Jamie Allen (HGK Basel):

Apocryphal Technologies. Trials of the Engineered Imaginary


The technological presents itself as the forward image of our desires, and these forward movements often keep us from sensing legitimate disappointment in them. A great number of in-use, contemporary technologies promise a great number of apocryphal functions: from truth telling, to bodily enhancement, to cognitive amplification. Starting with the example of the Lie Machine project, a recently re-constructed voice stress analysis computer, offered here is a discussion of how a reframing of these Apocryphal Technologies might serve to engender a more authentic and equal relation with technics.